Em. O. Univ.-Prof. Dr. phil.
Franz Josef Schnitzer (1928 - 2006)

 

 

 

In memoriam Franz Josef Schnitzer

 

Am 20. Oktober 2006 ist Em. O. Univ.-Prof. Dr. phil. Franz Josef Schnitzer verstorben. Er hinterlässt seine Gattin Eva und seine zwei Kinder Jakob und Elisabeth.

Franz Josef Schnitzer wurde am 14. Juli 1928 in Leoben geboren. Hier besuchte er auch die Volksschule (1934 – 1938) und das Gymnasium (1938 – 1946), an welchem er die Reifeprüfung zum Juli-Termin 1946 mit ausgezeichnetem Erfolg ablegte.

Ab dem Wintersemester 1946/47 studierte Schnitzer an der Philosophischen Fakultät der Karl-Franzens-Universität Graz Mathematik und Physik. Bereits im Jahr 1950 begann seine bis 1953 währende Tätigkeit als Wissenschaftliche Hilfskraft an der Lehrkanzel für Mathematik und Darstellende Geometrie der Montanistischen Hochschule Leoben unter Ao. HSch-Prof. Dipl.-Ing. Dr. Alois Koch. Zum Zweck weiterführender Studien auf dem Gebiet der Mathematik verbrachte Schnitzer danach je ein Semester an den Universitäten in Mainz und Tübingen. Anschließend verfasste er 1956 in Graz bei O. Univ.-Prof. Dr. Georg Kantz eine Dissertation mit dem Thema „Über einige zahlentheoretische Probleme“. Seine Promotion zum Doktor der Philosophie fand am 16. Juli 1957 in Graz statt.

Von 1957 bis 1971 war Schnitzer Professor für Mathematik an der Wayne State University in Detroit, Michigan (USA). Unterbrochen wurde diese Zeit durch Gastaufenthalte an der Washington University in St. Louis, Missouri (USA), von 1960 bis 1961 sowie an den Universitäten Gießen und Marburg an der Lahn (Deutschland) von 1965 bis 1966. Im Jahr 1971 erhielt Schnitzer einen Ruf an die (damalige) Montanistische Hochschule Leoben, den er annahm. Mit 30. 12. 1971 trat er hier seinen Dienst als Ordentlicher Universitätsprofessor für Mathematik und Mathematische Statistik an. Als Nachfolger von Prof. Koch war er in dieser Position bis zu seiner Emeritierung am 1. 10. 1996 tätig.

Schnitzer oblag in Leoben die Lehre in den Fächern Höhere Mathematik I und II sowie Mathematische Statistik I für Studierende aller Studienrichtungen. Für die Studierenden der Werkstoffwissenschaften und des Erdölwesens unterrichtete er zusätzlich das Fach Höhere Mathematik III (Partielle Differentialgleichungen, Komplexe Funktionen). In den zweieinhalb Jahrzehnten seines Wirkens an unserer Universität hat Schnitzer tausenden Studierenden die mathematischen Grundlagen für ihre Ingenieurausbildung vermittelt. In seine Ära fällt auch die Einführung einiger neuer Studienrichtungen und, in Verbindung damit, der ständige Anstieg der Studienanfängerzahlen, der für ihn und seine Mitarbeiter zahlreiche organisatorische Herausforderungen im Lehrbetrieb mit sich brachte. Nicht unerwähnt bleiben soll Schnitzers Tätigkeit als Lehrbeauftragter am Institut für Mathematik der Karl-Franzens-Universität Graz, wo er seit dem Wintersemester 1974/75 den Lehrbetrieb mit einem breit gefächerten Angebot an Spezialvorlesungen zu bereichern verstand. Neben seiner Lehrtätigkeit trat Schnitzer an der Montanuniversität Leoben viele Jahre hindurch als Vorsitzender der Ersten Diplomprüfungskommission und als Vorsitzender der Kommission für die Vergabe von Förder- und Leistungsstipendien hervor.

Schnitzers wissenschaftliches Œuvre ist ein Spiegelbild seiner vielfältigen mathematischen Interessen. Der Schwerpunkt seiner Forschungen liegt auf den Gebieten der reellen und komplexen Analysis sowie der Zahlentheorie. Darüber hinaus lieferte er Beiträge zur Kombinatorik und zur Theorie konvexer Mengen. Im Zusammenhang mit Vorträgen für die interessierte Öffentlichkeit befasste sich Schnitzer in jüngerer Zeit intensiv mit den Lebensläufen bedeutender Mathematiker. Neben wissenschaftlichen Arbeiten verfasste er eine nahezu unüberschaubare Zahl an Buchrezensionen. Aufgrund seiner bewundernswert umfassenden Literaturkenntnisse in vielen Teilgebieten der Mathematik verstand es Schnitzer immer wieder, in Gesprächen mit Fachkollegen wertvolle Anregungen zu geben. Diese mündeten oft in Frucht bringende Forschungsarbeiten. Mehrere Male zeichnete er für die Organisation wissenschaftlicher Konferenzen in Leoben und Graz (mit)verantwortlich. Überdies war Schnitzer Mitherausgeber der Zeitschrift Mathematica Pannonica seit ihrer Gründung im Jahr 1990.

Seine Freunde, Kollegen, Mitarbeiter und ehemaligen Studenten werden Franz Josef Schnitzer immer ein ehrendes Gedenken bewahren.

 

Arnold R. Kräuter (November 2006)

 

 

Schriftenverzeichnis von Franz Josef Schnitzer

 

a) Aufsätze in Zeitschriften und Sammelwerken

  1. On the modulus of unbounded holomorphic functions. Mathematische Zeitschrift 88 (1965), 301 – 308 [gemeinsam mit W. Seidel]
  2. Monotone functions and convex functions. Michigan Mathematical Journal 12 (1965), 481 – 485 [gemeinsam mit T. Nishiura]
  3. On the rate with which a holomorphic function on a disk can tend radially to zero. Proceedings of the National Academy of Sciences of the USA 57 (1967), 876 – 877 [gemeinsam mit W. Seidel]
  4. A note on a problem of D. Pompeiu. Mathematische Zeitschrift 105 (1968), 59 – 61 [gemeinsam mit L. Brown und A. L. Shields]
  5. On a problem of J. Czipszer. Rendiconti del Seminario Matematico dell’ Università di Padova 44 (1970), 85 – 90 [gemeinsam mit M. Katz]
  6. Translations of planar convex sets. Archiv der Mathematik 22 (1971), 103 – 105 [gemeinsam mit T. Nishiura]
  7. Uniqueness theorems for bounded holomorphic functions. Mathematische Zeitschrift 122 (1971), 366 – 370 [gemeinsam mit J. S. Hwang und W. Seidel]
  8. A proof of an inequality of H. Thunsdorff. Publikacije Elektrotehničkog Fakulteta Univerziteta u Beogradu (Serija Matematika i Fizika) 357-380 (1971), 1 – 2 [gemeinsam mit T. Nishiura]
  9. Moments of convex and monotone functions. Monatshefte für Mathematik 76 (1972), 135 – 137 [gemeinsam mit T. Nishiura]
  10. Eine Charakterisierung konvexer Mengen. Archiv der Mathematik 26 (1975), 322 – 326 [gemeinsam mit W. Imrich]
  11. A note on decompositions of the ground set of families of sets. Glasnik Matematički (Serija III) 10 (1975), 219 – 222 [gemeinsam mit G. Prins und R. A. Razen]
  12. Einige Sätze über gemeinsame Transversalen zweier Mengenfamilien. Archiv der Mathematik 27 (1976), 312 – 318 [gemeinsam mit R. A. Razen]
  13. On Hall’s condition in transversal theory. Journal für die Reine und Angewandte Mathematik 289 (1977), 85 – 95 [gemeinsam mit G. Prins und R. A. Razen]
  14. Bemerkungen zu einem Approximationssatz für regelmäßige Kettenbrüche. Journal für die Reine und Angewandte Mathematik 293/294 (1977), 437 – 440 [gemeinsam mit H. G. Kopetzky]
  15. A class of modified ζ and L-functions. Pacific Journal of Mathematics 74 (1978), 357 – 364 [gemeinsam mit E. Grosswald]
  16. Verschärfung der Integralungleichung für das Potenzmittel von Funktionen mit sternförmigem Epigraphen. Archiv der Mathematik 41 (1983), 459 – 463 [gemeinsam mit P. Schöpf]
  17. Schlichte Funktionen: Ausgewählte Fragen. Berichte der Mathematisch-Statistischen Sektion im Forschungszentrum Graz 209 (1984), 1 – 78
  18. Quadratische Approximationen am Einheitskreis. Archiv der Mathematik 46 (1986), 144 – 147 [gemeinsam mit H. G. Kopetzky]
  19. A geometrical approach to approximations by continued fractions. Journal of the Australian Mathematical Society (Series A) 43 (1987), 176 – 186 [gemeinsam mit H. G. Kopetzky]
  20. Ganze ganzwertige Funktionen: Historische Bemerkungen, in: Complex Methods on Partial Differential Equations. Aspects in Complex Analysis. Edited by C. Withalm (Mathematical Research, Volume 53). Akademie-Verlag, Berlin, 1989, pp. 151 – 177 [gemeinsam mit F. Gramain]
  21. Hornichsche Produkte und verallgemeinerte Lambertsche Reihen in einer und mehreren komplexen Veränderlichen, in: Complex Methods on Partial Differential Equations. Aspects in Complex Analysis. Edited by C. Withalm (Mathematical Research, Volume 53). Akademie-Verlag, Berlin, 1989, pp. 178 – 186 [gemeinsam mit J. Schwaiger]
  22. Mathematik an der Montanuniversität, in: 150 Jahre Montanuniversität Leoben 1840 - 1990. Herausgegeben von F. Sturm. Akademische Druck- und Verlagsanstalt, Graz, 1990, pp. 265 - 267.
  23. On the dispersion spectrum. Monatshefte für Mathematik 112 (1991), 115 – 124 [gemeinsam mit H. G. Kopetzky]
  24. A Egoroff-type theorem for set-valued measurable functions. Mathematica Pannonica 3 (2) (1992), 73 – 79 [gemeinsam mit T. Nishiura]
  25. A few remarks on isoperimetric inequalities. Grazer Mathematische Berichte 321 (1993), 1 – 58
  26. Eine geometrische Methode bei der Approximation durch Kettenbrüche nach dem nächsten Ganzen. Mathematica Pannonica 6 (1995), 45 – 54 [gemeinsam mit H. G. Kopetzky]
  27. Bemerkungen über stetige, nirgendwo differenzierbare Funktionen. Grazer Mathematische Berichte 326 (1995), 1 – 104
  28. Einführende Bemerkungen über Clustermengen in der Funktionentheorie. Jahrbuch Überblicke Mathematik 1995, 125 – 145
  29. Johannes Kepler (1571 bis 1630) - 1. Teil. Wissenschaftliche Nachrichten 97 (1995), 22 – 26
  30. Johannes Kepler (1571 bis 1630) - 2. Teil. Wissenschaftliche Nachrichten 98 (1995), 26 – 29
  31. Measure and category: Some non-analogues. Mathematica Pannonica 7 (1996), 69 – 78 [gemeinsam mit H. I. Miller]
  32. On Pisot numbers. Annales Universitatis Scientiarum Budapestinensis 39 (1996), 95 – 99 [gemeinsam mit P. Erdős und I. Joó]
  33. Expansions with respect to non-integer bases. Grazer Mathematische Berichte 329 (1996), 1 – 35 [gemeinsam mit I. Joó]
  34. On some problems concerning expansions by non integer bases. Anzeiger der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Mathematisch-Naturwissenschaftliche Klasse (Abteilung II) 133 (1996), 3 – 10 [gemeinsam mit I. Joó]
  35. Vier österreichische Mathematiker. Wissenschaftliche Nachrichten 100 (1996), 23 – 29 [gemeinsam mit K. Sigmund und A. Florian]
  36. Isaac Newton (1642 – 1727) - Teil 1. Wissenschaftliche Nachrichten 102 (1996), 17 – 21
  37. On a result of M. Kuczma. Glasnik Matematički (Serija III) 32 (1997), 207 – 212 [gemeinsam mit H. I. Miller und H. L. Wyzinski]
  38. Isaac Newton (1642 – 1727) - Teil 2. Wissenschaftliche Nachrichten 103 (1997), 23 – 27
  39. Paradoxien - Einige Beispiele. Wissenschaftliche Nachrichten 105 (1997), 23 - 30
  40. Paul Erdős (1913 – 1996) [Nachruf]. Wissenschaftliche Nachrichten 107 (1998), 23 – 27
  41. Pierre de Fermat (1601 – 1665). Wissenschaftliche Nachrichten 110 (1999), 19 – 25
  42. Archimedes (287 – 212 v. Chr.). Wissenschaftliche Nachrichten 114 (2000), 25 - 31
  43. Rationale Approximationen von (m/n)e1/q. Mathematica Pannonica 13 (2002), 23 – 30 [gemeinsam mit H. G. Kopetzky]

 

b) Herausgegebene Werke

  1. Achtes Steiermärkisches Mathematisches Symposium. Stift Rein, 20. – 23. 9. 1976. Mathematisch-Statistische Sektion im Forschungszentrum Graz, Graz, 1976, VI + 188 Seiten [gemeinsam mit L. Reich]
  2. Generalized Analytic Functions. Theory and Applications to Mechanics. Proceedings of the conference, Graz, Austria, January 6 – 10, 1997. Kluwer, Dordrecht, 1998, XXVI + 311 Seiten [gemeinsam mit H. Florian, K. Hackl und W. Tutschke]
  3. Functional Analytic and Complex Methods, Their Interactions, and Applications to Partial Differential Equations. Proceedings of the international  workshop, Graz, Austria, February 12 – 16, 2001. World Scientific, Singapore, 2001, XIII + 458 Seiten [gemeinsam mit H. Florian, N. Ortner, und W. Tutschke]

 

 

Benützte Literatur und Quellen 

  1. Alexander Aigner, Das Fach Mathematik an der Universität Graz (Publikationen aus dem Archiv der Universität Graz, Band 15). Akademische Druck- und Verlagsanstalt, Graz, 1985.

  2. Jahresbericht der Staatlichen Oberschule für Jungen in Leoben 41 (1939) – 47 (1945) bzw. Jahresbericht des Bundesrealgymnasiums in Leoben 48 (1946), passim.

  3. Arnold Richard Kräuter, Institut für Mathematik und Angewandte Geometrie - Mathematik und Mathematische Statistik, in: 150 Jahre Montanuniversität Leoben 1840 - 1990. Herausgegeben von Friedwin Sturm. Akademische Druck- und Verlagsanstalt, Graz, 1990, pp. 484 - 492.

  4. Franz Josef Schnitzer, Über einige zahlentheoretische Probleme. (Unveröffentlichte) Dissertation an der Philosophischen Fakultät der Karl-Franzens-Universität Graz (1956).

  5. Franz Josef Schnitzer, Biographische Skizze. Glück auf! Zeitschrift der Österreichischen Hochschülerschaft an der Montanistischen Hochschule Leoben 9 (14) (1973), 13.

  6. Studienführer der Montanistischen Hochschule Leoben bzw. Studienführer der Montanuniversität Leoben 1971/72 - 1995/96, passim.

  7. Verzeichnis der Lehrveranstaltungen der Karl-Franzens-Universität Graz 1974/75 - 2002/03, passim.

  8. Karl-Franzens-Universität Graz, Universitätsarchiv, Doktoratsakten und Rigorosenprotokolle der Philosophischen Fakultät, Z. 3627 (1956).

  9. Karl-Franzens-Universität Graz, Universitätsarchiv, Promotionsprotokolle der Philosophischen Fakultät, Nr. 1662 (1957).

  10. Montanuniversität Leoben, Personalakt Franz Josef Schnitzer (1950 - 1953 bzw. 1971 - 1996).

 

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